Die deutsche S1-Leitlinie nennt vier Säulen der Lipödem-Behandlung, die je nach aktuellen Beschwerden kombiniert werden sollen: komplexe physikalische Therapie, Liposuktion und plastische Chirurgie, Ernährung und körperliche Aktivität sowie bei Bedarf Psychotherapie[1]. Eine Operation ist laut dieser Leitlinie angezeigt, wenn die Beschwerden trotz konsequenter konservativer Behandlung bestehen bleiben oder wenn Befunde und Beschwerden fortschreiten[1]. Eine systematische Übersicht verbindet konservative Therapien mit weniger Schmerzen und Schwellung, sieht aber für die Tumeszenz-Liposuktion die stärkste Evidenz für eine anhaltende Besserung der Beschwerden[2].
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Ein Lipödem ist eine chronische Erkrankung des Fettgewebes, die vor allem Frauen betrifft und mit einer symmetrischen, übermäßigen Fettvermehrung an den Beinen sowie Schmerzen einhergeht[3]. Typisch ist laut S1-Leitlinie eine örtlich begrenzte, symmetrische Vermehrung des Unterhautfettgewebes an Armen und Beinen, die in deutlichem Missverhältnis zum Rumpf steht[1]. Weitere Befunde sind Ödeme, eine Neigung zu blauen Flecken und eine erhöhte Druckempfindlichkeit[1].
Die Diagnose des Lipödems wird anhand der Krankengeschichte und der klinischen Befunde gestellt[1]. Laut einer Übersichtsarbeit werden die meisten Patientinnen fälschlich mit einem Lymphödem oder einer Adipositas diagnostiziert[4]. Die S1-Leitlinie beschreibt das Lipödem als chronische, fortschreitende Erkrankung mit individuell unterschiedlichem und nicht vorhersagbarem Verlauf[1].
Laut einer systematischen Übersicht bringen die derzeitigen Therapien des Lipödems nur eine teilweise Linderung der Beschwerden und heilen die Erkrankung nicht[5]. Eine Übersichtsarbeit nennt als Ziele der Behandlung eine bessere Lebensqualität, weniger Schweregefühl und Schmerzen, eine Formung der betroffenen Gliedmaßen, Gewichtskontrolle und mehr Beweglichkeit[4]. Dieselbe Arbeit betont, dass realistische Erwartungen für Patientin und Behandelnde wichtig sind[4].
Eine Übersicht zum Lipödemschmerz beschreibt Schmerz als das führende Symptom des Lipödems[6]. Weil diese Schmerzen mit Depression und eingeschränkter Lebensqualität verbunden sind, gilt die Schmerzreduktion dort als wichtigster therapeutischer Ansatz[6].
Zur komplexen physikalischen Therapie zählt die S1-Leitlinie manuelle Lymphdrainage, Kompressionstherapie, Bewegungstherapie und Hautpflege[1]. Eine weitere Übersichtsarbeit bezeichnet Kompressionsbekleidung, Physiotherapie, Bewegungsprogramme, Ernährung und psychologische Beratung als notwendig[4].
Das Protokoll der LIPLEG-Studie beschreibt eine langfristige komplexe Entstauungstherapie als konservative Standardbehandlung, die lipödembedingte Schmerzen lindern und Wohlbefinden, Beweglichkeit und körperliche Aktivität verbessern soll[3]. Eine Übersichtsarbeit bewertet die Studienlage zur Behandlung des Lipödems als schlecht und nennt die komplexe Entstauungstherapie als übliche Behandlung[7].
In einer Online-Umfrage vom Oktober 2018 unter 279 Menschen mit Lipödem trugen 70 % Kompressionsbekleidung, verteilt über alle vier Kompressionsklassen, wobei Klasse 2 mit 58 % der Trägerinnen und Träger am häufigsten war[8]. Die drei häufigsten Gründe für das Tragen waren, sich gestützt zu fühlen (73 %), Lipödemschmerzen zu verringern (67 %) und die Beweglichkeit zu verbessern (54 %)[8].
Die meisten Befragten, die Kompressionsbekleidung trugen, empfanden sie in dieser Umfrage als hilfreich, die Gesamtzufriedenheit war jedoch gering[8]. Bei manchen Befragten waren die Probleme mit der vorhandenen Kompressionsbekleidung so gravierend, dass sie diese gar nicht oder seltener trugen[8].
In einer randomisierten, von der Industrie gesponserten Proof-of-Principle-Studie bei erwachsenen Frauen mit Lipödem und sekundärem Lymphödem verbesserten sich Beinumfang und Bioimpedanzwerte in beiden Gruppen, stärker jedoch in der Gruppe mit pneumatischem Kompressionsgerät plus konservativer Behandlung[9]. In dieser Gruppe verbesserten sich auch die Schmerzwerte des SF-36-Fragebogens und der numerischen Schmerzskalen[9]. Die Autorinnen und Autoren werten die Ergebnisse als Unterstützung für eine konservative Behandlung mit abgestufter Kompression, mit oder ohne pneumatisches Kompressionsgerät[9].
In einer randomisierten kontrollierten Studie wurden 33 Frauen mit schwerem Lipödem (Typ 3, Stadium III oder IV) auf drei Gruppen verteilt: komplexe Entstauungstherapie plus Übungen, intermittierende pneumatische Kompression plus Übungen oder nur Übungen[10]. Alle Gruppen erhielten 30 Einheiten eines kombinierten Trainingsprogramms, die Zusatzbehandlungen fanden fünfmal pro Woche über sechs Wochen statt[10]. Von den Teilnehmerinnen schlossen 31 die Behandlung ab[10].
In dieser Studie verbesserten alle Programme die Messwerte nach der Intervention[10]. Im Vergleich der Behandlungen brachte die zusätzliche komplexe Entstauungstherapie signifikante Verbesserungen beim Volumen der Gliedmaßen, bei Schmerzen und bei der körperlichen Funktion[10].
In einer Studie zum Lipödem der Arme fand sich nach komplexer physikalischer Entstauungstherapie plus intermittierender pneumatischer Kompression eine statistisch signifikante Abnahme des Umfangs an 3 von 4 Messpunkten an jedem Arm[11]. Das Volumen beider Arme nahm in dieser Studie ebenfalls statistisch signifikant ab[11].
In einer Proof-of-Principle-Studie erhielten 5 Frauen mit Lipödem im Stadium 1 bis 2 und frühem Lymphödem im Stadium 0 bis 1 neun Physiotherapie-Termine in sechs Wochen[12]. Schmerzen und Funktion besserten sich nach der Behandlung klinisch bedeutsam[12]. Die Autorinnen und Autoren sehen darin einen Hinweis, dass Menschen mit Lipödem von Physiotherapie gegen Beinschmerzen und für ihre Lebensqualität profitieren können[12].
Eine systematische Übersicht zu Bewegungstraining schloss sechs Studien mit insgesamt 115 Frauen mit Lipödem ein[13]. Training scheint dort Schmerzen und andere Beschwerden, Lebensqualität, Volumen oder Umfang der Gliedmaßen und die körperliche Leistungsfähigkeit zu verbessern[13]. Die Effekte scheinen größer zu sein, wenn das Training mit fortlaufender Kompressionstherapie kombiniert wird[13].
Die Ergebnisse schwankten zwischen den eingeschlossenen Studien, was die Autorinnen und Autoren wahrscheinlich auf große Unterschiede zwischen den Studien, verschiedene Trainingsansätze und geringe Teilnehmerzahlen zurückführen[13]. Eine weitere systematische Übersicht nennt Wassertraining zusammen mit Kompressionstherapie und bestimmten Diäten als konservative Maßnahmen, die mit weniger Schmerzen und Schwellung verbunden waren[2].
Eine systematische Übersicht zu Ernährungsinterventionen beim Lipödem umfasste neun Studien mit 269 Frauen[14]. Die meisten dieser Studien setzten kalorienreduzierte Kostformen ein, vor allem ketogene, kohlenhydratarme fettreiche oder ketogen abgewandelte mediterrane Ernährung[14]. Über die Studien hinweg wurden Gewichtsverlust und eine Abnahme der Fettmasse durchgehend berichtet[14].
Einige Studien dieser Übersicht beobachteten auch Verbesserungen bei Schmerzen, Entzündung und Lebensqualität, diese Endpunkte wurden aber nicht einheitlich erhoben[14]. Das Fazit der Übersicht lautet, dass die Wirkung von Ernährungsansätzen auf das Lipödem unklar bleibt[14].
Laut einer US-amerikanischen Konsensus-Leitlinie lässt sich Lipödemgewebe durch Diät, Bewegung oder Adipositaschirurgie nur schwer reduzieren[15]. Die deutsche S1-Leitlinie empfiehlt, eine vorhandene krankhafte Adipositas vor einer Liposuktion zu behandeln[1].
Eine Metaanalyse von sieben Studien fand nach Liposuktion signifikante Verbesserungen bei Spontanschmerz, Ödemen, blauen Flecken, Beweglichkeit und Lebensqualität von Lipödem-Patientinnen und -Patienten[16]. Mehr als die Hälfte der Patientinnen und Patienten benötigte nach der Operation jedoch weiterhin konservative Therapie[16]. Die Autorinnen und Autoren mahnen zur Vorsicht, unter anderem wegen der starken Abhängigkeit von Selbstauskünften, und stufen die Liposuktion als ergänzende, experimentelle Therapie statt als endgültige Heilung ein[16].
Eine systematische Übersicht mit 61 eingeschlossenen Arbeiten sieht für die Tumeszenz-Liposuktion die stärkste Evidenz für eine anhaltende Besserung der Beschwerden, der Beweglichkeit und der Lebensqualität[2]. Die meisten dieser Arbeiten waren Beobachtungsstudien, Fallserien oder Expertenkonsens, randomisierte Studien gab es nur wenige[2].
Eine Übersicht zum Lipödemschmerz beschreibt die mikrokanüläre Tumeszenz-Liposuktion als wirksamste Option und verweist auf umfangreiche Belege für eine deutliche Schmerzreduktion durch diesen Eingriff[6]. Dieselbe Übersicht hält die Wirksamkeit der konservativen Behandlung für umstritten[6].
Eine weitere Übersicht berichtet, dass die Liposuktion in Beobachtungsstudien die Beschwerden deutlich linderte, bei nur seltenen Komplikationen[7]. Zum Zeitpunkt dieser Übersicht übernahmen die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland die Kosten des Eingriffs noch nicht regelmäßig[7]. Mehr dazu lesen Sie in unserem Artikel zur Lipödem-OP und gesetzlichen Krankenkasse. Ergänzend finden Sie hier unseren Beitrag zu den Langzeitergebnissen der Lipödem-OP.
Die LIPLEG-Studie ist als randomisierte, multizentrische, untersucherverblindete Studie angelegt, die Liposuktion mit komplexer Entstauungstherapie vergleicht[3]. Laut Protokoll sollen 405 Frauen mit Lipödem ohne vorherige Liposuktion im Verhältnis 2:1 der Liposuktion oder der Entstauungstherapie zugeteilt werden[3].
Hauptzielgröße der LIPLEG-Studie ist eine Senkung des Beinschmerzes um mindestens 2 Punkte auf einer Skala von 0 bis 10 nach 12 Monaten unter Entstauungstherapie beziehungsweise nach abgeschlossener Liposuktion[3]. Zu den weiteren Endpunkten gehören unter anderem Lebensqualität, Depressionsneigung, Hämatomneigung, Ödeme, Körperfettanteil, Beinumfang und Bewegungseinschränkung[3]. Fragen Sie Ihre Chirurgin oder Ihren Chirurgen, welche Ergebnisse aus direkten Vergleichsstudien inzwischen vorliegen.
Eine Übersichtsarbeit nennt konservative und operative Optionen mit dem Ziel, Beschwerden zu lindern und die Beweglichkeit zu verbessern, und stellt einen Mangel an randomisierten kontrollierten Studien fest[17].
Laut S1-Leitlinie kommt eine Operation in Frage, wenn die Beschwerden trotz konsequenter konservativer Behandlung anhalten oder Befunde und Beschwerden fortschreiten[1]. Eine Übersichtsarbeit beschreibt die Liposuktion als Option für schwere Fälle, in denen konservative Methoden versagen[18]. Eine andere Übersicht sieht die Liposuktion für fortgeschrittene Fälle vor, eingebettet in eine fachübergreifende Versorgung mit konservativen Therapien und angepasstem Training[5].
Eine Übersichtsarbeit bezeichnet die operative Behandlung für ausgewählte Patientinnen als zusätzliche Option[4]. Laut einer weiteren Übersicht muss die Behandlung individuell nach dem Stadium der Erkrankung ausgerichtet werden, und die Mitarbeit der Patientin sowie die Begleitung durch die Behandelnden sind für die besten Ergebnisse wesentlich[19].
Für Patientinnen mit Lipödem und gleichzeitiger Adipositas kann laut einer narrativen Übersicht eine Kombination aus konservativen Maßnahmen und operativen Optionen, insbesondere Liposuktion und/oder bariatrischer und metabolischer Chirurgie, hilfreich sein[20]. Die Autorinnen und Autoren sehen weiteren Forschungsbedarf zur Wirkung unterschiedlicher Behandlungsschemata[20]. Eine Übersicht für Dermatologinnen und Dermatologen bezeichnet psychologische Unterstützung als entscheidend für den Umgang mit den emotionalen Belastungen der Erkrankung[21].
Wenn nach einer Operation Brustschmerzen, Atemnot, eine rasch zunehmende Schwellung oder Fieber auftreten, wenden Sie sich sofort an Ihre Chirurgin oder Ihren Chirurgen oder an den Rettungsdienst. Einen Überblick bietet unser Artikel zu den Risiken der Fettabsaugung.
Für das Gespräch mit einer Fachärztin oder einem Facharzt können diese Fragen hilfreich sein:
In einer systematischen Übersicht waren konservative Therapien wie Kompressionstherapie, Wassertraining und bestimmte Diäten mit weniger Schmerzen und Schwellung verbunden[2]. Dieselbe Übersicht schreibt, dass konservative Therapien eine teilweise Linderung bringen können[2].
In einer Umfrage unter 279 Menschen mit Lipödem war die Verringerung von Lipödemschmerzen (67 %) einer der drei häufigsten Gründe für das Tragen von Kompressionsbekleidung, und die meisten Trägerinnen und Träger empfanden Kompression als hilfreich[8]. In einer randomisierten Proof-of-Principle-Studie verbesserten sich die Schmerzwerte in der Gruppe mit pneumatischem Kompressionsgerät plus konservativer Behandlung[9].
Eine Metaanalyse fand nach Liposuktion signifikante Verbesserungen bei Spontanschmerz, Ödemen, Beweglichkeit und Lebensqualität, doch mehr als die Hälfte der Patientinnen und Patienten benötigte danach weiterhin konservative Therapie[16]. Die Autorinnen und Autoren stufen die Liposuktion als ergänzende, experimentelle Therapie statt als endgültige Heilung ein[16].
Laut deutscher S1-Leitlinie ist eine Operation angezeigt, wenn die Beschwerden trotz konsequenter konservativer Behandlung bestehen bleiben oder Befunde und Beschwerden fortschreiten[1].
In einer systematischen Übersicht zu Ernährungsinterventionen berichteten die Studien durchgehend Gewichtsverlust und eine Abnahme der Fettmasse, die Wirkung von Ernährungsansätzen auf das Lipödem bleibt laut Fazit der Übersicht aber unklar[14]. Laut einer US-amerikanischen Konsensus-Leitlinie lässt sich Lipödemgewebe durch Diät oder Bewegung nur schwer reduzieren[15].